Riley Ralmuto veröffentlicht eine detaillierte Widerlegung einer Aussage von Marc Andreessen, der behauptet, Introspektion sei eine moderne Erfindung, die um 1910-1920 unter dem Einfluss von Freud entstanden sei. Andreessen hatte Introspektion als "schuldbasierten Wiener Trick" ("guilt-based whammy from Vienna") bezeichnet, behauptet, selbst "null" Introspektion zu praktizieren, und argumentiert, die großen Männer der Geschichte hätten sich nicht damit befasst, wobei die besten Gründer seiner Ansicht nach bei "0% Neurotizismus" operierten.

Ralmuto widerlegt diese Behauptung, indem er sich auf mehr als 2.400 Jahre philosophischer und intellektueller Tradition beruft. Er beginnt mit Socrate, dessen Maxime, dass "ein ungeprüftes Leben nicht lebenswert ist", eine der Grundlagen der westlichen Philosophie darstellt. Anschließend zitiert er Marc Aurèle, den römischen Kaiser, dessen Selbstbetrachtungen ein privates Tagebuch der Selbstprüfung darstellen, das er während der Führung eines Imperiums verfasste. Sénèque praktizierte eine tägliche abendliche Gewissenserforschung. Augustin d'Hippone schrieb die Confessiones, die als erste echte Autobiografie gelten, eine Übung in reiner Introspektion.

Auch die östlichen Traditionen bilden keine Ausnahme: Bouddha entwickelte Vipassana ("klares Sehen" in den eigenen Geist), Confucius prüfte sich täglich anhand von drei Punkten, und Lao Tzu lehrte, dass "sich selbst zu kennen wahre Weisheit" sei. Später erfand Montaigne die Essayform gerade als Werkzeug der Selbstprüfung, Benjamin Franklin entwickelte ein tägliches System zur Verfolgung von 13 Tugenden, Leonardo da Vinci füllte Tausende Notizbuchseiten mit Selbstbefragung, und Thomas Jefferson führte Tagebücher zur emotionalen Selbstregulierung.

Der entscheidende Schlag besteht darin, Andreessens Argument gegen ihn selbst zu wenden: Seine eigenen Vorbilder unter den Gründern praktizieren aktiv Introspektion. Steve Jobs meditierte in der Zen-Tradition, Elon Musk denkt nach dem First-Principles-Ansatz (einer Form intellektueller Selbstprüfung), Mark Zuckerberg setzt sich jährliche persönliche Herausforderungen, Ray Dalio propagiert "radikale Selbstwahrnehmung" als Gründungsprinzip, und Jeff Bezos entwickelte sein "Regret-Minimization"-Framework — eine introspektive Übung par excellence.

Ralmuto schließt mit einer wesentlichen Unterscheidung: Introspektion und Grübeln (Rumination) sind zwei unterschiedliche Dinge. Grübeln besteht darin, in Gedanken zu verharren und sich in einer Abwärtsspirale zu verlieren, was tatsächlich kontraproduktiv ist. Introspektion hingegen entwickelt Selbstwahrnehmung und Mustererkennung und führt zu besseren Entscheidungen. Diese beiden zu vermischen, wie Andreessen es tut, kommt der Ablehnung eines fundamentalen Werkzeugs von Führung und kritischem Denken auf Grundlage eines schlichten historischen Irrtums gleich.