Der Artikel von Gergely Orosz gewährt einen seltenen Einblick in die Entwicklung von Claude Code, dem KI-basierten Entwicklungstool von Anthropic, das rasch einen Jahresumsatz von über 500 Millionen US-Dollar erzielt hat. Anhand von Interviews mit den Gründungsingenieuren Boris Cherny und Sid Bidasaria sowie der Produktverantwortlichen Cat Wu untersucht der Artikel die Entstehung, die Architektur und den „KI-first"-Engineering-Ansatz hinter diesem bahnbrechenden Tool.
Claude Code begann im September 2024 als einfacher Prototyp von Boris Cherny, der zunächst nur in der Lage war, die gerade abgespielte Musik zu identifizieren. Der entscheidende Durchbruch kam mit dem Zugriff auf das Dateisystem und Bash-Befehle, wodurch das Tool Codebasen erkunden und Fragen beantworten konnte, indem es Datei-Importe eigenständig las und verfolgte. Diese Entdeckung offenbarte einen „Product Overhang": Die Fähigkeit des Modells existierte bereits, doch kein Produkt nutzte sie vollständig aus.
Der Prototyp gewann innerhalb von Anthropic schnell an Beliebtheit: Bereits fünf Tage nach einer internen Testveröffentlichung im November 2024 nutzten ihn 50 % der Ingenieure täglich. Trotz interner Debatten darüber, das Tool als Wettbewerbsvorteil zurückzuhalten, entschied sich Anthropic, es öffentlich zu veröffentlichen, um das Verständnis für die Sicherheit und die Fähigkeiten des Modells zu vertiefen. Das Team, das anfangs nur aus Boris allein bestand, wuchs bis Juli auf etwa ein Dutzend Ingenieure an, die mit einem hohen Maß an Autonomie und Fokus auf schnelles Prototyping arbeiteten.
Der Nutzen von Claude Code ging über Entwickler hinaus: Auch Data Scientists setzten es für Abfragen und Visualisierungen ein. Das Tool trug zu einem Anstieg der Pull Requests bei Anthropic um 67 % bei – trotz einer Verdopplung der Ingenieurzahl –, was einen erheblichen Produktivitätsgewinn belegt.
Der Technologie-Stack von Claude Code ist „on distribution" für das Claude-Modell ausgelegt und nutzt Technologien, die das Modell bereits beherrscht: TypeScript, React mit Ink für die Terminal-Benutzeroberfläche, Yoga für das Layout und Bun für Build und Packaging. Bemerkenswerterweise werden etwa 90 % des Codes von Claude Code von Claude Code selbst geschrieben – ein „Dogfooding"-Ansatz, der auf die Spitze getrieben wird.
Die Architektur setzt auf Einfachheit und fungiert als leichtgewichtige Schnittstelle, die dem Claude-Modell Tools und UI-Hooks zur Verfügung stellt, während das Modell den Großteil der komplexen Arbeit übernimmt. Das Team verfeinert das System kontinuierlich und entfernt dabei häufig Code und vereinfacht Prompts, sobald neue Modellversionen veröffentlicht werden.
Ein entscheidender Aspekt ist das Berechtigungssystem, das verhindern soll, dass die KI ohne Zustimmung des Nutzers irreversible Änderungen vornimmt. Es bietet granulare Kontrolle: Nutzer können Berechtigungen einmalig oder für künftige Sitzungen erteilen oder verweigern, mit mehrstufigen Konfigurationsoptionen.
Der Entwicklungsprozess ist von extremer Geschwindigkeit geprägt. Das Team veröffentlicht 60 bis 100 interne Releases pro Tag und ein externes Release täglich. Das Prototyping erfolgt außergewöhnlich schnell: Boris Cherny erstellte für ein „To-do-Listen"-Feature in nur zwei Tagen rund 20 UI-Prototypen und iterierte dabei rasch auf Basis von Prompts und Feedback.
Diese schnelle Iteration, ermöglicht durch KI-Agenten, beschleunigt die Konzeption und Umsetzung neuer Funktionen erheblich und verändert das Tempo des Prototyping grundlegend. Claude Code führt zudem innovative Terminal-UX-Funktionen ein und nutzt dabei die interaktive Natur von LLM-gestützten Terminals.