Ethan Mollick, Professor an der Wharton School und einflussreicher KI-Beobachter, schlägt vor, Erkenntnisse aus der Organisationstheorie auf agentische KI-Systeme anzuwenden. Sein Argument: Jahrzehntelange Forschung zu menschlichen Organisationen liefert Rahmenwerke, die sich direkt auf die Herausforderungen der Multi-Agenten-Koordination übertragen lassen.
Das Problem der Kontrollspannen: Aktuelle agentische Systeme gehen implizit davon aus, dass Modelle eine unbegrenzte Zahl von Sub-Agenten verwalten können, was offensichtlich falsch ist. Eine menschliche Führungskraft kommt auf weniger als zehn effektive direkte Unterstellte. Mollick schätzt, dass hundert Sub-Agenten die Kapazität eines Orchestrator-Agenten bei weitem übersteigen. Seine provokante Lösung: die Schaffung von "Middle-Management-Agenten" – einer Zwischenebene zwischen dem Haupt-Orchestrator und den ausführenden Agenten.
Boundary Objects: In der Organisationstheorie sind Boundary Objects Artefakte, die zwischen Gruppen (Marketing, IT, Vertrieb) weitergegeben werden, um Bedeutung zu vermitteln, wenn ein Projekt Grenzen überschreitet – Prototypen, User Stories, Spezifikationen. Derzeit tauschen KI-Agenten reinen Text und manchmal Code aus. Mollick plädiert für strukturierte Boundary Objects, die Agenten unterschiedlicher Fähigkeitsstufen lesen und verändern können. Dieser Ansatz würde viele Koordinationsfehler beheben und gleichzeitig den Token-Verbrauch senken.
Das Kopplungsproblem: Kopplung misst den Grad der Verbindung zwischen organisatorischen Einheiten. Die meisten agentischen Systeme sind entweder zu eng gekoppelt (jeder Schritt erfordert menschliche Freigabe) oder zu lose gekoppelt (Verlust von Kontrolle und Kohärenz). Dieser Zielkonflikt ist in der Organisationstheorie gut erforscht, und Mollick geht davon aus, dass sich viele Erkenntnisse direkt auf Agenten-Architekturen übertragen lassen.
Bounded Rationality: Ein Grundkonzept der Organisationswissenschaft, das beschreibt, wie Entscheidungsträger mit unvollständigen Informationen und begrenzter kognitiver Kapazität agieren. Dieser Rahmen dürfte auch für KI-Agenten gelten, die mit großen Kontexten und komplexen Entscheidungen konfrontiert sind.
Kritik an den Labs: Mollick stellt fest, dass alle in Richtung "agent swarms" (ein Begriff, den er als "schrecklich benannt" bezeichnet) drängen, ohne zu erkennen, dass der Erfolg nicht allein von der Modellqualität abhängen wird, sondern von organisatorischen Gestaltungsentscheidungen. Er bezweifelt, dass die KI-Labs diese Dimension wahrnehmen, und fordert mehr Experimente unter der Leitung von Menschen, die reale menschliche Koordinationsprobleme verstehen.