Andrej Karpathy — Mitbegründer von OpenAI, ehemaliger Chefarchitekt von Tesla Autopilot und Schöpfer des Begriffs vibe coding — erklärt in diesem Interview, dass er sich als Programmierer noch nie so sehr abgehängt gefühlt hat. Der Wendepunkt: Dezember 2025. Während einer Pause stellt er fest, dass die von den neueren Modellen erzeugten Code-Chunks auf Anhieb richtig sind; er hört auf zu korrigieren, vertraut ihnen und vibe-codet durchgehend. Seine Schlussfolgerung: Wer KI 2024 als etwas ChatGPT-Nahes erlebt hat, muss noch einmal hinschauen – im kohärenten agentischen Workflow hat sich grundlegend etwas verändert.

Karpathy formalisiert seine Taxonomie Software 1.0 / 2.0 / 3.0: expliziter Code, dann über Datensätze gelernte Gewichte, dann Prompting als Programmierung eines LLM-Interpreters. Zwei Beispiele veranschaulichen den Bruch. openclaw: Statt eines aufgeblähten Shell-Skripts, das jede Plattform abdeckt, ist die Installation ein Text zum Kopieren in den Agenten, der in einer Schleife debuggt. MenuGen: Seine vibe-gecodete Vercel-App zur Erzeugung von Gerichtebildern wird obsolet, als er entdeckt, dass man dem Gemini-Modell das Foto der Speisekarte direkt übergeben und Nanobanana bitten kann, die Gerichte einzublenden – keine App zwischen Eingabebild und Ausgabebild. „Diese App sollte nicht existieren." Lehre: KI nicht als Beschleunigung des bestehenden Paradigmas begreifen, sondern als neue Möglichkeiten (z. B. LLM Knowledge Bases).

Seine Theorie der Verifizierbarkeit erklärt, warum LLMs jagged (zackig) bleiben: Die Labs trainieren via RL auf verifizierbaren Domänen (Mathematik, Code) und erzeugen so Fähigkeitsspitzen und Lücken andernorts. Prägnante Anekdote: Opus 4.7 refaktoriert eine Codebasis mit 100.000 Zeilen, rät aber, 50 m zu Fuß zur Waschanlage zu gehen. Ratschlag an Gründer: verifizierbare Domänen anvisieren, in denen man eigene RL-Umgebungen erstellen und feinabstimmen kann.

Karpathy unterscheidet zwischen vibe coding (die Untergrenze anheben – Demokratisierung) und agentic engineering (die Qualitätsschwelle bewahren – Ingenieursdisziplin zur Koordination von spiky/stochastischen Agenten). Der 10x-Engineer wird weit über das 10-Fache hinaus verstärkt. Die Personalauswahl muss überarbeitet werden: keine Rätselaufgaben mehr, stattdessen Raum für große kontradiktorische Projekte (Agent klont Twitter vs. Agenten als Red Team).

Agenten sind Praktikanten mit ausgezeichnetem Erinnerungsvermögen, aber ohne Geschmack – der Mensch bleibt zuständig für Ästhetik, Design und die Spezifikation. Karpathy lehnt die Tier-Metapher ab: Wir bauen keine Tiere, wir beschwören Geister – statistische Schaltkreise, kein Leben. Er fordert eine agentennative Infrastruktur (Sensoren/Aktoren, Dokumentation für Agenten, Deployment per Prompt). Schlussformel: „Man kann sein Denken auslagern, aber man kann sein Verständnis nicht auslagern." Der Mensch bleibt der Engpass des Verständnisses, das das System steuert.