Alex Pawlowski veröffentlicht in The Strategy Stack einen Methodenleitfaden, der die Marktforschung für das KI-Zeitalter neu positioniert. Seine Diagnose beginnt mit drei Schwächen: eine Informationsüberflutung, die Rauschen statt Klarheit erzeugt, verzögerte Berichte, die die Vergangenheit beschreiben, sowie Erkenntnisse, die selten in Handlung übersetzt werden. Seine These: Der Wert liegt nicht mehr im statischen Bericht, sondern in einer living decision surface — einem sich weiterentwickelnden Modell, das als operatives System gepflegt wird. Märkte werden darin als dynamische Spannungsfelder behandelt, nicht als feste Wettbewerbslandschaften.

Sein zentraler Beitrag ist die Tension Map: Statt Wettbewerber und Marktanteile abzubilden, identifiziert sie Widersprüche und Spannungspunkte — „wo Nutzer mehr wollen, als Produkte liefern", Fehlausrichtungen zwischen Preis und Wert, starke etablierte Anbieter ohne emotionale Resonanz, Reibung, die mangels Alternative akzeptiert wird. Die Tension Map macht Opportunity Spaces sichtbar, die klassischen Analysen verborgen bleiben.

Drei Recherchemodi strukturieren die Methode: Discovery Mode legt die Baseline fest (Akteure, sichtbare Muster); Tension Mode lokalisiert Unzufriedenheit und unterversorgte Segmente; Decision Mode übersetzt Interpretation in Handlung. Der 7-Schritte-Workflow operationalisiert dies: (1) eine präzise Fragestellung definieren, (2) Rohsignale sammeln (Rezensionen, Dokumentationen, Transkripte — keine synthetisierten Berichte), (3) die Tension Map erstellen, (4) KI-gestützte Strukturanalyse, (5) Interpretationen durch gegnerische Perspektiven einem Stresstest unterziehen, (6) Spannungen in Entscheidungen übersetzen, (7) das Ergebnis als aktualisierbares Marktmodell bewahren.

Der Tool-Stack ist phasenweise orchestriert: Perplexity für Expansion (Discovery), Claude für Tiefe und Kontinuität (großes Kontextfenster, widersprüchliche Signale), ChatGPT für Iterationsgeschwindigkeit (Reframing, alternative Strukturen), Multi-Agent für produktiven Dissens über zugewiesene Rollen (Analyst, Kritiker, Stratege). Die Stärke der Fragestellung ist zentral — „Wo wird Pricing eher toleriert als angenommen?" (stark) gegenüber „Was sind die Trends?" (schwach).

Pawlowski veranschaulicht dies am Markt der KI-Notiztools: Das Automatisierungsversprechen wird geschätzt, die Genauigkeit nach dem Meeting bleibt jedoch problematisch, Premium-Pricing wird in Teams toleriert, individuell aber als unfair empfunden, das Vertrauen in etablierte Anbieter konkurriert mit aufkommender Begeisterung. Das Stress-Testing ist ein ritualisierter Schritt: „Was würde die Interpretation widerlegen?", „Was würden skeptische Wettbewerber bestreiten?"

Vier Fehlermodi drohen: vage Fragestellungen, die zu poliert wirkenden, aber oberflächlichen Ergebnissen führen, übermäßiges Vertrauen in polished summaries zulasten von Rohsignalen, ausgelassene Validierung, die unbegründetes Vertrauen erzeugt, sowie Erkenntnisse, die nie in Entscheidungen übersetzt werden. Die Persistenz des Corpus in Claude Projects und die Pflege eines lebenden Modells machen aus Recherche einen sich kumulierenden Vermögenswert. Methodische Referenz: Richards Heuers (CIA) Analysis of Competing Hypotheses, übertragen auf KI. Marktforschung wird zu einem kontinuierlichen operativen System statt einer Abfolge einzelner Projekte.